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Beeinflusste der Amateurfilm das gesellschaftliche Leben
in den 1970er-Jahren ?

Offizielle Studien, die dieser Frage nachge- gangen wären, ob denn der Amateurfilm in der Gesellschaft Veränderungen hervorge- rufen haben, sind so gut wie unbekannt. Somit wäre die Frage als solche auch beantwortet und doch scheint es so, als hätte das Tun der Filmfreunde mit ihren Kameras in den 1970er-Jahren einiges in der Gesellschaft verändert.

Nun muss man selbstverständlich auch von Land zu Land die Dinge differenziert be- trachten, schon allein unter der Berück- sichtigung der Kaufkraft, die die Bürgen zu jener Zeit hatten, da gab es erhebliche Unterschiede.

So waren in Nord-Europa des Westens die Möglichkeiten des Erwerbs einer Filmausrüstung wesentlich günstiger als in südlichen Landstrichen. In den Ost-europäischen Ländern war der Wunsch eine Filmausrüstung zu bekommen, stark ausgepägt, doch konnte der Amateur hier nur schwer an geeignete Apparate kommen, was auch mit dem Angebot am Markt lag.

Und doch zeigte sich, dass z. B. in Ost-Deutschland das Interesse am Schmalfilm um einiges größer war als im Westen des Landes. Es war damals eine Nische im Umfeld der wenigen Möglichkeiten der Eigeninitiativen, die auch eine freie Entwicklung künstlerischen Tuns förderte.

Mit dem kaum überschaubaren Angebot japanischer Schmalfilmapparate, die in Europa angeboten wurden, wurde zwar der Boom in den 1970er-Jahren ausgelöst, doch die Nutzung von beispielsweise großartiger Technik in Filmkameras geriet unverhofft auf die Ebene der Selbstdarstellung oder besser gesagt des Status. Je größer das Zoom-Objektiv um so vorsichtig gesagt, 'Besser'. Ein Fixpunkt der bei Weitem nicht immer stimmte.

Aber gerade weil dem so war, konnte die Industrie die Entwicklungen auf dem Gebiet der Amateurfilmtechnik voranbringen und mit ihr auch letztlich die Qualität der Filme, die von einigen Hunderttausenden Laien des Films gedreht wurden, wesentlich steigern.

Nachdem die Diapositiv-Fotografie die Bildqualität auf der Leinwand sehr hochgesteckt hat und das Filmformat Super 8 mit seiner kleinen Bildfläche auf dem Steifen diesbezüglich nicht mithalten konnte, war es hauptsächlich der Reiz der Bewegung der zugunsten des Schmalfilms das bedeutende und entscheidende Merkmal.

Natürlich hatte der Filmamateur eine Reihe von Regeln erlernen müssen, um seine Zuschauer zu fesseln und nicht wie bei einem Dia-Vortrag das Publikum über 2 Stunden und mehr zu quälen. Daher boten sich vielerorts Film-Clubs an und eine Reihe von Sachbüchern kamen auf den Markt, um dem Film das Laufen zu lehren.

Die Begegnungen in Film-Clubs war sehr oft das Treffen gleichgesonnener Damen und Herren, die dem Medium Film eine Note geben wollten und ihre Kenntnisse zur Technik und Cineastik einbrachten. Auch kamen künstlerische Ambitionen zur Geltung, die nicht selten durch literarische Vorlagen geprägt wurden.

So manche Club-Produktion feierte Erfolge im einschlägigen Kreis, gelegentlich auch auf Filmfestivals, wo nur Amateurfilme der Formate 16 und 8 mm breiten Streifen vorgestellt wurden.

Wer sich nicht in solche Vereinigungen wagte, musste sich selbst als Kameramann, als Cutter und letztlich als Filmvorführer helfen und mühsam die Erkenntnisse erarbeiten, die einen guten Film sehenswert macht. Vorlagen aus Drehbüchern gab es so gut wie nie, zumindest nicht in Fachgeschäften für Fotoartikel.

Inwieweit sich aus dieser Konstellation Begabungen für den Film entwickelten, bleibt mangels Statistiken unbeantwortet. Doch scheint es so, dass einige der erfolgreichen Regisseure und Regisseurinnen schon als Jugendliche mit einer Amateurfilmkamera angefangen haben.

Auch in den sogenannten Arbeitsgemein- schaften (AG) der Schulen wurden Talente und Interessierte auf das Medium Film und somit über den Amateurfilm aufmerksam.



 

Immer mit dem Ziel einer freien schöpf- erischen Tätigkeit nachzugehen und zu verwirklichen.

Aber muss denn immer der einschlägige berufliche Erfolg für die Feststellung herhalten, dass das Medium Amateurfilm in der Gesellschaft Spuren hinterlassen hat. Nein, so weit muss man nicht gehen. Es reicht schon, wenn die Freude an einem Film als Erinnerung eines Urlaubs ein Herz erquickt.

Und derer gab es zu genügend. In den Jahren zwischen 1970 und 1980 wurden schätzungsweise allein in Europa jährlich im Schnitt mehr als 18 Millionen Super 8 Filmkassetten von Amateuren belichtet und entwickelt. Eigentlich eine nicht unbedeu- tende Anzahl an festgehaltenen Szenen, die die Gesellschaft mit ihren Gewohnheiten in sehr privaten Bereichen festhielten.

Es waren Szenen aus dem Urlaub, von Wanderungen, Hochzeiten und Geburtstage, Autofahrten und Sportereignisse, die im Bild festgehalten wurden. Wer heute diese Filmszenen anschaut, wird vermutlich schmunzelnd sich als Kind wiederfinden, sei es beim ersten Schultag oder der Großtante einen Blumenstrauß zum Geburtstag überreichend sehen.

Wenn die Szenen nicht arg verwackelt war und nicht zu viel mit Kamera geschwenkt wurde, so konnte doch manche Gelegenheit oder Begegnung als filmhistorisch für die Familie eingestuft werden.

Die Nacharbeit eines entwickelten Films, der sogenannte Filmschnitt, offenbarte hier und da doch, dass die Vorführung von so manchem Meter Filmstreifen nicht sinnvoll war erscheint und dennoch zeigte sich schnell, dass auch diese Reste oft noch auf einer 3-Zoll-Spule in einem Schuhkarton oder bevorzugter Weise in eine Papprolle verstaut und somit erhalten wurden.

Was allerdings dem Amateurfilm kaum gelang, war die synchronisierte Tonauf- nahme. Denn bei so einem Projekt musste der Kameramann doch meistens einen Assistenten an seiner Seite haben, der sich um die Belange des Tons zur Filmszene kümmerte. Daher sind nur klassischen Interviews oder Ansprachen zur im Film folgenden Szene die häufigsten Aufnahmen mit Originalton (OT). Die Technik fand nie eine befriedigende Lösung für den Einzelkämpfer, dem Amateurfilmer.

Was hinterlässt diese bildschaffende Technik, nachdem sie nun seit 20 Jahren als untergegangen bezeichnet werden kann. Auf Tausenden von noch vorhanden Filmstreifen sind Szenen verewigt, die ein Spiegelbild der Gesellschaft abgeben könnten, wenn man sich dafür interessieren würde. Doch es scheint so, dass dieses Interesse den Historikern auferlegt und somit Trends und Gewohnheiten der Menschen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erst in die Geschichtsbücher eingetragen werden müssen. Oder vielleicht auch auf einen heute oder morgen modernen Datenträger mit ausgewählten Filmszenen übertragen.

Bewegte Bilder sind seit der Erfindung der Kinematografie etwas Außergewöhnliches, zumal es keine Selbstverständlichkeit, ist die Gegenwart mit in die Zukunft zu nehmen. Weil dem so ist, wird das bewegte Bild auch weiterhin mit immer besserer Technik Aufmerksamkeit hervorrufen.

Heute hat uns die Elektronik, schon angefangen mit der analoge Bildaufzeichnung, in die digitale Welt der Bilder gebracht. Und wer es nicht glauben will: Wir alle sind fasziniert von der beeindruckenden Bildqualität, die uns jederzeit und aus allen Winkeln der Welt in Echtzeit erreichen können.

Die Kinematografie und die von ihr ausgelöste Neugier hat Technik und Anspruch auf noch besserer Lösungen revolutioniert. Insofern hat es auch die Gesellschaften auf diesem Globus verändert, auch wenn wir es nicht merken. Überall da, wo der Mensch lebt und er Zugang hat zur Elektrizität wird er beeinflusst von den Bildern, insbesondere von denen, die er nicht in seiner eigenen Umgebung findet.

Man könnte sagen, der Film: ist und bleibt ein Faszinosum.



UN     




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